Anna und die anderen Mädchen in der zwölften Klasse der Schule für niedere Töchter richteten den Blick nach vorne. Herr Tiedemann, ihr Klassenlehrer, betrat den Unterrichtsraum für Geschichte und Politik und die jungen Damen erhoben sich von ihren Plätzen. „Guten Morgen, meine Damen.“, sagte er freundlich. „Guten Morgen, Herr Tiedemann.“, antwortete die Klasse im Chor. „Setzen.“, befahl er routiniert, griff nach einem Stück Kreide und schrieb drei Worte an die Tafel: Renaissance der Werte. Dann musterte er die Klasse. Die jungen Damen saßen wie die Orgelkerzen, aufrecht und zurechtgemacht auf ihren Plätzen. Sie trugen weiße Blusen und kurze blaue Faltenröcke, dazu weiße Kniestrümpfe, so wie die Schulordnung es vorsah. Die Haare hatten sie ordentlich gekämmt und zu Zöpfen geflochten oder zu einem Dutt zusammengesteckt. In den Ohren steckten schwarze Perlenohrstecker, als Zeichen dafür, dass sie der arbeitenden Schicht angehörten. „Unser Thema heute“, begann er, „ist die Renaissance der Werte.“ Anna verdrehte innerlich die Augen, aber ließ sich nichts anmerken. Sie wusste, dass die Renaissance der Werte eines von Herrn Tiedemanns Lieblingsthemen war und er nicht zimperlich mit ihr und ihren Kameradinnen umspringen würde, wenn sie nicht aufmerksam dem Unterricht folgten. Unglücklicherweise war das Thema so langweilig, dass Anna jedes Mal wieder alles vergaß, nachdem der Unterricht beendet war. „Wer kann mir erklären, was man unter der Renaissance der Werte versteht?“, wollte er von der Klasse wissen. „Na, wer meldet sich freiwillig?“ Die Klasse schwieg. Alle versuchten, einen so unauffälligen und wissenden Gesichtsausdruck wie möglich zu machen, damit Herr Tiedemann sie nicht aufrief. Langsam schritt er die Reihen der 30 jungen Frauen ab und musterte jede einzelne von ihnen. Als er bei Anna angekommen war, sah er sie von oben bis unten an. „Na, Anna. Willst Du uns etwas über die Renaissance der Werte erzählen?“ Anna schluckte. Sie hasste es, wenn sie vor der Klasse einen Vortrag halten sollte. Aber es blieb ihr nichts anderes übrig, das Wort des Lehrers war Gesetz. Langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl und sah ihren Lehrer an. „Nun?“, wollte er wissen. „Was hast Du uns zur Renaissance der Werte zu erzählen?“ „Also, vor 100 Jahren gab es einen großen Krieg, der fast zu Vernichtung der Welt geführt hätte. Mehr als 90 % der Weltbevölkerung starben. Darauf hat man beschlossen, dass man wieder zu alten Werten zurückkehren wolle und sozusagen die Uhr zurückgedreht.“ „Soweit ist das richtig.“, lobte Herr Tiedemann. „Aber warum hat man die Uhr zurückgedreht?“ Anna schluckte. Unsicher sah sie sich in der Klasse um. „Also, das kann ich nicht so gut erklären.“, gab sie zu. „Anna, denk doch mal nach. Was war denn der Auslöser des Krieges? Das haben wir doch in der letzten Stunde durchgenommen. Oder hast Du etwa nicht aufgepasst?“ Herr Tiedemann sah Anna streng von oben bis unten an. „Der Auslöser war, dass niemand mehr seinen Platz in der Welt kannte und jeder dachte, er könne alles Wissen und alle Informationen korrekt bewerten. Darauf kam es zum Streit zwischen den Nationen und auch zu Bürgerkriegen zwischen den gesellschaftlichen Schichten.“ „Sehr gut, Anna. Ich sehe, Du hast doch aufgepasst. Und was passierte dann?“ Anna atmete auf. Herr Tiedemann war dafür bekannt sparsam mit Lob umzugehen und wenn es geschah, dann hatte er augenscheinlich gute Laune. „Also dann hat man, nachdem der Krieg vorbei war beschlossen, dass es besser wäre, wenn einige Technologien verbannt werden. Es gab damals wohl so etwas wie ein großes Netz aus Information und Kommunikation. Da konnte jeder mit jedem Sprechen oder Nachrichten schreiben und jeder konnte von überall her Informationen erhalten. Das Schlimmste war aber, dass auch jeder seine Ansichten und Ideen verbreiten konnte, auch die, die schlecht für die Gesellschaft waren.“ „Das Internet. Sehr richtig. Und ich freue mich, dass ihr so wohlerzogen seid, dass ihr dieses Wort nicht in den Mund nehmt. Aber dennoch solltet ihr wissen, wie man diesen Fluch genannt hat.“ Tiedemann nahm ein Stück Kreide und schrieb das Wort Internet an die Tafel. Dann strich er es mit einer großen Geste durch. „Das Internet war der Anfang vom Untergang der Zivilisation. Darum hat unsere Regierung nach der Befriedung Europas in Abstimmung mit den verbleibenden anderen Mächten das Internet und die gesamte digitale Kommunikation abgeschaltet. Weiß noch jemand, wie das Programm zur Abschaffung hieß?“ Eines der Mädchen meldete sich und Herr Tiedemann rief ihren Namen. „Ja, Lisa?“ „Projekt Zwanzig. In Anlehnung an die goldenen neunzehnhundertzwanziger Jahre.“ „Sehr gut, Lisa. Ganz genau. Und seitdem sind wir von vielen unschönen Unarten befreit. Damals hatten junge Damen wir ihr oft verkrüppelte Daumen und Haltungsschäden, weil sie anstatt Leibesertüchtigung den ganzen Tag an kleinen Computern herumgespielt haben. So etwas gibt es heute zum Glück nur noch im Museum hinter Panzerglas. Weiß denn jemand, was noch aus der Zeit übriggeblieben ist?“ Die Mädchen der Klasse sahen sich fragend an. „Na, das hätte mich auch gewundert. Das Telefon.“, verkündete der Lehrer. „Aber natürlich benötigt man dafür eine Lizenz und die wenigsten Privatleute haben eine. Allerdings hat der Direktor ein Telefon, wenn ihr Euch gut betragt, werde ich vielleicht einmal mit Euch in sein Büro gehen und eine Vorführung geben. Mit einem Telefon kann man bei anderen Behörden oder bei der Feuerwehr anrufen, sollte es einmal brennen.“ Anna versuchte, sich ihre Abscheu nicht anmerken zu lassen. Sie wusste genau, was ein Telefon war, aber sie wusste auch, dass Herr Tiedemann es nicht mochte, wenn seine Schülerinnen mehr wussten, als er ihnen beibrachte. Ihre Freundin Klara war nicht immer so vorsichtig und hatte schon so manches mal den Zorn des Lehrkörpers auf sich gezogen, was in der Regel empfindliche Strafen nach sich zog. Anna sah zu Klara herüber und sah, wie diese ein kleines Stück Papier bekritzelte. Dabei sah sie immer wieder zu Herrn Tiedemann und versicherte sich, dass der Lehrer nicht bemerkte, was sie trieb. Doch dann passierte es. Paula, ein etwas pummeliges Mädchen, das direkt neben Klara saß, räusperte sich erst und musste dann laut und vernehmlich niesen. Herr Tiedemann sah direkt in Klaras Richtung und ging auf Paula zu. Aus der Innentasche seines Jacketts zog er ein Taschentuch und reichte es ihr. Dann fiel sein Blick auf Klaras Hand, unter der ein Stücken Papier hervorguckte. „Was hast du denn da?“, wollte Herr Tiedemann wissen. „Ähh, nichts, Herr Tiedemann.“, sagte sie schnell und zerknüllte das Papier in ihrer Hand. „Her damit.“, forderte er sie auf. Sein Ton wurde von einer auf die andere Sekunde sehr streng. Anna schluckte. Sie wusste, dass ihre Freundin in echten Schwierigkeiten war. Aber es war nichts gegen die Schwierigkeiten, die sie bekommen würde, wenn jemand entdeckte, was sie in ihrem Strumpfband verbarg. „Her damit.“, befahl Tiedemann erneut und griff nach Klaras Arm. Mit einem trotzigen Gesichtsausdruck übergab diese dem Lehrer das zerknüllte Stück Papier. Langsam faltete er es auf und betrachtete es. Ein kurzes Schmunzeln huschte über seine Lippen, dann verfinsterte sich seine Miene wieder. „Findest du das lustig?“, wollte er wissen. Klara war ein zierliches Mädchen mit schwarzen Zöpfen und von nicht allzu großem Wuchs. Mit ihren großen braunen Augen sah sie den Lehrer an und versuchte, ein möglichst unschuldiges Gesicht zu machen. „Nein, Herr Tiedemann, wenn sie mich so fragen, eigentlich nicht.“ „Ich frage so, in der Tat.“, stellte der Lehrer fest. Dann hielt er das Stück Papier in die Höhe. „Es gibt wohl einige unter euch, die es lustig finden, ihren Lehrkörper als Karikatur zu verewigen. Wir ihr euch denken könnt, werde ich ein derartiges Verhalten nicht tolerieren. Komm nach vorne, Klara.“, sagte er scharf. Die ganze Klasse zuckte bei der Aufforderung an Klara, nach vorne zum Lehrerpult zu kommen. Mit gesenktem Kopf erhob sich Klara und ging langsam nach vorne. Herr Tiedemann zog die Schublade seines Pultes auf und holte einen unterarmlangen, breiten Lederriemen hervor. Anna atmete auf. Wenigstens würde ihre Freundin nicht mit dem Rohrstock geschlagen, dachte sie bei sich. Herr Tiedemann schien wirklich einigermaßen gute Laune zu haben. „Bück dich hier rüber.“, befahl der Lehrer und deutete auf das Lehrerpult. „So, dass die Klasse deinen Arsch gut sehen kann.“ Vorsichtig legte Klara die Unterarme auf das Pult und beugte ihren Oberkörper langsam nach vorne. Tiedemann war dafür bekannt, dass er die Bestrafung seiner Schülerinnen gerne zelebrierte. Er nahm den Riemen und ließ ihn laut in seine Handfläche klatschen. „Disziplin!“, sagte er laut und mit der Betonung eines Priesters in der heiligen Messe, „ist eine der Säulen meines Unterrichts und unserer Gesellschaft. Jeder muss seinen Platz kennen und seine Pflicht tun.“ Er stellte sich hinter Klara und griff nach dem Saum ihres ohnehin zu kurzen Rockes. Dann schob er ihn langsam nach oben und krempelte ihn einmal um, so dass er nicht wieder zurückrutschen konnte. „Dein Platz, Klara, ist der einer fleißigen Arbeitsbiene und nicht der eines Clowns.“, verkündete er. Seine Hände griffen in den Bund ihres blütenweißen Slips und führten ihn langsam nach unten, bis er in den Kniekehlen hing. Die Klasse hatte nun einen freien Blick auf Klaras feste Pobacken. Sie gehörte zur engeren Auswahl der Turnmannschaft der Schule und jeder konnte sehen, dass sie mehrmals die Woche ihren zierlichen Körper trainierte. „Zwanzig Hiebe.“, verkündete Tiedemann und stellte sich nun in passendem Abstand links hinter Klara auf. „Und es wird laut und deutlich mitgezählt, verstanden?“ „Ja, Herr Tiedemann.“, sagte Klara kleinlaut. Der Lehrer nahm den Riemen und legte ihn auf Klaras nacktem Gesäß ab. Dann holte er aus und ließ das Leder auf die Stelle treffen, die er zuvor anvisiert hatte. Es klatschte laut und die Klasse konnte sehen, wie sich ein breiter, roter Abdruck auf Klaras Hintern abzeichnete, da wo der Riemen ihren Po getroffen hatte. „Eins.“, zischte sie zwischen den Zähnen hervor, die sie vor dem Schlag zusammengebissen hatte, um nicht laut aufzuschreien. Tiedemann hob erneut den Riemen und ließ ihn einen Fingerbreit unter der Stelle, die er beim ersten mal getroffen hatte auf den Hintern des Mädchens knallen. „Zwei.“, sagte sie und atmete tief ein. Anna schaute der Bestrafung zu und ließ ihre Hand langsam unter ihren Rock wandern. Ihr Rock war etwas länger als der ihrer Mitschüler, so dass niemand sehen konnte, dass sie ein Strumpfband um den Oberschenkel trug, in dem sie etwas verbarg. Sie griff danach und holte vorsichtig ein kleines Gerät hervor, dass ihr bester Freund Maximilian ihr vor einigen Tagen geschenkt hatte. Es bestand nur aus einem kleinen Bildschirm und einem Knopf, um es ein- oder auszuschalten. Vorsichtig schaltete sie es ein und der Bildschirm leuchtete auf. „Drei.“, hörte sie Klara sagen, die immer mehr Mühe hatte, nicht laut aufzuschreien. Anna wusste, dass ihre Freundin es nicht mehr lange durchhalten würde, Herr Tiedemann legte besonderes Augenmerk darauf, sich im Verlauf einer Züchtigung zu steigern. Aber sie hatte sich selbst in diese Lage gebracht, warum war sie auch nur so unvorsichtig gewesen. Anna sah auf den Bildschirm. Ein kleines Symbol leuchtete auf und zeigte an, dass sie eine neue Nachricht hatte. Sie drückte auf das Symbol und tatsächlich, wie von Zauberhand erschien eine Nachricht. „Es funktioniert. Wir haben ein Netzwerk in der Stadt installiert und können uns Nachrichten schicken. Aber sei vorsichtig. Schalte das Gerät sofort wieder aus, wenn du das hier gelesen hast. Ich erkläre dir später, wie man auf Nachrichten antwortet.“ Max war ein Aktivist, der schon oft mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war. Doch bisher hatte man ihm nie etwas nachweisen können. Anna liebte ihn für seine rebellischen Gedanken, die sie bei stundenlangen Diskussionsabenden im konspirativen Kreise austauschten. „Acht.“, schrie Klara auf einmal aus, so laut, dass Anna vor Schreck das Gerät aus der Hand unter ihren Stuhl fiel. Tiedemann sah sich kurz zur Klasse um und sah in die Gesichter seiner Schülerinnen. „Ruhe.“, befahl er harsch. „Hier ist noch genug Platz für eine Weitere von euch, wenn ihr nicht aufpasst.“ Dann hob er wieder den Riemen und zog ihn über Klaras inzwischen stark geröteten Hintern. Das Mädchen zuckte und warf den Kopf kurz nach hinten, worauf Tiedemann sie streng ermahnte, in Position zu bleiben. Anna suchte nach dem Gerät auf dem Boden. Es lag einige Zentimeter neben dem Tischbein ihres Pultes. Doch sie traute sich nicht, danach zu greifen. Wenn Tiedemann sich im falschen Moment umdrehte und sie damit erwischte, dann war sie geliefert. Sie musste warten, bis die Stunde vorbei war und es in der Pause an sich nehmen. Anna holte tief Luft und stellte ihren Fuß vorsichtig und leise auf das Gerät, so dass niemand es sehen konnte. Dann rührte sie sich nicht mehr. Vorne begann Tiedemann nun damit, Klara die zweite Hälfte ihrer zwanzig Hiebe zu verabreichen. Der Riemen flog nun deutlich schneller durch die Luft und das Klatschen wurde lauter. Auch Klara konnte nun nicht mehr anders als nach jedem Hieb laut aufzuschreien, gefolgt von einer hastigen Zahl. „Elf.“ „Zwölf.“ „Dreizehn.“ „Vierzehn.“, schrie sie nun auf und die anderen Mädchen zuckten jedes Mal mitleidig zusammen, wenn der Riemen sein Ziel traf. Klaras Hintern leuchtete nun in einem schillernden Rot, das an den Anstrich eines Feuerwehrautos erinnerte. Zufrieden betrachtete Tiedemann sein Werk. Anna konnte sehen, wie sich eine sichtbare Beule in seiner Hose bildete. Er schien Klaras Bestrafung zu genießen und ließ sich nun etwas mehr Zeit zwischen den einzelnen Hieben. Anna schielte auf die Uhr, die über der Tafel hing. In zehn Minuten würde es zur Pause klingeln. Und Tiedemann würde pünktlich gehen, es war seine letzte Unterrichtsstunde an diesem Tag und er überzog nie. „Neunzehn.“, jauchzte Klara. Tiedemann hob ein letztes mal den Riemen und zog ihn mit aller Kraft über Klaras geschundene Pobacken. „Ahhhh. Zwanzig.“, keuchte sie und sank erschöpft auf dem Pult zusammen. „Du darfst dich setzen.“, sagte der Lehrer knapp und warf einen prüfenden Blick auf die Uhr. „Ich hoffe, dass du deine Lektion gelernt hast.“ Klara erhob sich vom Pult und rieb sich mit beiden Händen ihren leuchtenden Hintern. Anna biss sich auf die Lippen und warf ihrer Freundin einen mitleidigen Blick zu. Sie musste höllische Schmerzen haben. Klara griff nach ihrem Slip und zog ihn vorsichtig hoch. Dann trottete sie langsam zu ihrem Platz zurück und setzte sich unter dem kritischen Blick des Lehrers auf ihren Stuhl. Sie verzog kurz das Gesicht, als ihr Hintern die Sitzfläche berührte, versuchte aber, sich nichts weiter anmerken zu lassen. „Du wirst noch eine Weile daran denken, wenn du auf deinem Hintern sitzt.“, referierte Tiedemann. Klara sagte nichts und legte die Hände auf das Pult vor sich. Anna sah auf die Uhr. Noch drei Minuten, dann würde sie das Gerät an sich nehmen können und wieder in ihrem Strumpfband verstecken. „Da die Klasse anscheinend nicht weiß, wie man sich beträgt“, begann Tiedemann und nahm ein Stück Kreide in die Hand, „werdet ihr mir alle bis übermorgen einen zwanzigseitigen Aufsatz schreiben, mit dem Thema: Was ist meine Stellung in der Gesellschaft.“ Er schrieb das Thema an die Tafel. „In Schönschrift versteht sich.“, fügte er hinzu. Dann warf er einen Blick auf die Uhr. Gerade als er dazu ansetzen wollte, die Stunde zu beenden, klopfte es an der Tür. Noch bevor Tiedemann Zeit hatte, das Klopfen zu beantworten, flog die Tür auf und der Schuldirektor betrat mit schnellen Schritten das Klassenzimmer. Hinter ihm folgten drei Männer in grauen Uniformen, einer von ihnen hatte eine seltsame Apparatur in der Hand. „Herr Direktor.“, sagte Tiedemann und sah den Schulleiter und seine Begleiter erstaunt an. „Was kann ich für Sie tun?“ „Alles Aufstehen.“, brüllte einer der Männer in Grau, so dass selbst Tiedemann kurz zusammenzuckte. Die Mädchen der Klasse sprangen von ihren Plätzen auf. Anna lief es kalt den Rücken herunter. Wer waren die Männer und was wollten sie? „Diese Herren sind vom Ministerium für Sitte und Anstand.“, erklärte der Direktor. Die Mädchen zuckten zusammen. Das Ministerium für Sitte und Anstand war berüchtigt, es überwachte die Einhaltung der wichtigsten Gesetze und kontrollierte sowohl die Polizei als auch die Gerichtsbarkeit und den Strafvollzug. Dass Beamte des Ministeriums persönlich erschienen, ließ auf eine sehr ernste Angelegenheit schließen. Der Beamte, der die Apparatur in den Händen hielt, schritt langsam die Reihen der Schülerinnen ab. Das Gerät in seiner Hand sah aus wie ein kleiner Fernseher, mit zwei Antenennen oben und einem Griff unten. Dabei war es etwa so groß wie Annas Unterarm. Der Mann hatte einen finsteren Blick und während er langsam einen Fuß vor den anderen setzte, sah er jedem Mädchen direkt in die Augen. Sein Blick war stechend und jede Schülerin senkte den Kopf, während er vorbeiging. Anna stockte der Atem. Noch drei Schritte, dann würde er bei ihr vorbeikommen. Hoffentlich sah er nicht, was zu Annas Füßen lag. Gerade als der Mann sich Anna näherte, verzog er verächtlich das Gesicht. Dann schlug er mit der Faust gegen das Gerät in seiner Hand und drückte einen Knopf an der Seite. „Was ist denn los, Müller.“, wollte einer der anderen grauen Männer, vermutlich der Chef der Truppe, wissen. „Das scheiß Ding ist schon wieder kaputt.“, sagte der Mann, dessen Name Müller zu sein schien. „Bekommen Sie es wieder in die Gänge?“, wollte der Anführer wissen. „Ich müsste zum Wagen, da habe ich noch ein Ersatzgerät.“ „Zu aufwendig. Na gut, wir lassen es gut sein. Ich habe heute noch andere Dinge zu erledigen.“, befand der Anführer. Anna atmete auf. Sie war der Entdeckung entgangen. Der Mann wandte sich um und machte sich daran, zu seinen beiden Kollegen und dem Direktor zurückzugehen. In diesem Moment wurde die Stille in der Klasse durch drei kurze Pieptöne unterbrochen. Sie kamen aus der Richtung von Annas Tisch, genauer von unter dem Tisch. Alle Augen richteten sich auf Anna. „Was war das?“, wollte der Anführer wissen und stürmte auf Anna zu. Anna wich unwillkürlich zurück. „Ich weiß es nicht.“, beteuerte sie. „So? Du weißt es nicht?“, wollte er wissen. Dann bückte er sich unter Annas Tisch und fischte das kleine Gerät hervor, das auf dem Boden lag. „Und was ist das hier?“, fragte er mit einem Ausdruck des Triumphes. „Sieht ja fast so aus, als hätten wir doch noch einen dicken Fisch gefangen.“ „Was ist das?“, wollte der Lehrer wissen. „Das ist ein Smartphone.“, erklärte der Direktor. „Ein Gerät zum Empfang von illegalen Sendern und Netzwerken. Es ermöglicht den unkontrollierten Versand und Empfang von Botschaften.“ Die Mädchen in der Klasse machten große Augen. Die Blicke ihrer Mitschülerinnen trafen Anna wie Giftpfeile. „Das gehört mir nicht.“, stammelte Anna. „Natürlich nicht. Und wie kommt es unter deinen Tisch?“, wollte der Anführer der grauen Männer wissen. „Das weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung, wie es dahin kommt.“ „Aber ich habe eine Ahnung. Du hast versucht, es verschwinden zu lassen, als wir ins Klassenzimmer gekommen sind. Wir haben in allen Schulen Ortungsgeräte installiert, die illegale Netzwerke aufspüren. Normalerweise sind die Geräte der Täter nur kurz eingeschaltet. Aber du hast es uns nicht gerade schwer gemacht, dich zu finden.“, triumphierte er. „Aber ich schwöre, es ist nicht meins.“, beteuerte Anna. „Das kannst du dem Richter erzählen. Du bist verhaftet.“, bellte der Anführer. Er machte eine Handbewegung in Richtung des dritten grauen Mannes und zeigte dann mit dem Finger auf Anna. „Handschellen, abführen!“, befahl er. Wortlos ging der dritte graue Mann auf Anna zu und packte sie unsanft am Arm. „Los umdrehen.“, befahl er knapp und verhalf seiner Aufforderung Nachdruck, indem er Anna in die vorgegebene Richtung stieß. Dann zog er ein paar stählerne Handfesseln aus seiner Tasche und ließ sie um ihre Handgelenke zuschnappen. „Ich hoffe, dass das eine Warnung für euch alle ist.“, verkündete der Anführer der grauen Herren. Dann wandte er sich dem Direktor zu. „Sorgen Sie dafür, dass die gesamte Klasse unter strenger Beobachtung ist. Und setzen Sie 10 Unterrichtseinheiten zum Thema Recht und Ordnung an. Wir werden Ihnen einen Dozenten aus dem Ministerium schicken, der das ganze durchführt. Wir haben hervorragendes Personal für diese Aufgaben.“ „Sehr freundlich von Ihnen.“, beeilte sich der Direktor, zu antworten, und nickte dienstbeflissen. „Ich werde den Stundenplan für alle drei Oberstufenjahrgänge sofort überarbeiten.“ „Fabelhaft. Kontaktieren Sie Abteilung III im Ministerium. Das ist unsere Bildungsabteilung, ich werde ihre Anfrage ankündigen und sorge dafür, dass das Ganze nicht versandet. Hier ist ja wirklich einiges nachzuholen.“ „Natürlich, ich werde mich sofort dieser Sache annehmen. Man wird ja etwas betriebsblind mit der Zeit. Vielen Dank für Ihre Unterstützung.“ „Schon gut. Wer ahnt schon, dass sich im Kreise so bezaubernder junger Damen subversive Elemente verbergen. Also, ich denke, wir können dann los. Verabschieden Sie sich von ihrer Mitschülerin, meine Damen. Sie können sich sicher sein, so schnell werden Sie die nicht wiedersehen.“ Anna wurde von den Männern aus der Klasse geführt. Sie warf Klara noch einen Blick zu, bevor sich die Tür des Klassenzimmers schloss. Beide Freundinnen wussten, dass sie sich wohl niemals wiedersehen würden. 2. Untersuchungshaft Anna wurde direkt in das Untersuchungsgefängnis des Ministeriums gefahren. Sie saß im Laderaum eines kleinen Transporters. Die Ladefläche war von der Fahrerkabine abgeschottet und es fiel nur wenig Licht durch zwei kleine Fenster in den Hecktüren des ansonsten fensterlosen Wagens. Ihr gegenüber saß der Mann in der grauen Uniform, der sie abgeführt hatte. Es war ein grobschlächtiger Kerl mit einem dicken Gesicht und einer riesigen Narbe, die sich vom Ohr bis zum rechten Mundwinkel zog. Anna fand, dass er zum Fürchten aussah, wollte sich aber nichts anmerken lassen. Mit den Augen fixierte er das zierliche Mädchen. „Tja junge Dame. Ich kann nur sagen, dass du in mächtigen Schwierigkeiten steckst.“, sagte er. Anna konnte einen diebischen Unterton in seiner Stimme erkennen. Aber sie wollte standhaft bleiben und sich nicht einschüchtern lassen. „Du bist hübsches Ding. Vielleicht wird dich das vor Schlimmerem bewahren. Aber man wird dich nicht ungeschoren davonkommen lassen, so viel ist sicher.“ „Ich habe nichts getan.“, sagte Anna trotzig und sah demonstrativ zur Seite. Der Mann ihr gegenüber beugte sich ein wenig nach vorne und umfasste Annas Hals. Dann drückte er ihren Kopf unsanft gegen die blecherne Seitenwand des Transporters. Anna hatte keine Chance, seinem Griff zu entrinnen. Ihre Hände waren auf dem Rücken gefesselt und die Handschellen hatte man an einer Kette, die an der Seitenwand verschweißt war, fixiert. „Deinen rotzigen Unterton solltest du dir sehr schnell abgewöhnen, hast du mich verstanden?“, bellte der Wächter. Dann holte er aus und gab Anna eine kräftige Ohrfeige, so dass sie kurz aufschrie. Eine kleine Luke, die zur Fahrerkabine führte, öffnete sich und der Anführer blickte hinein. „Was ist da los?“, bellte er. „Alles in Ordnung, Herr Hauptmann.“, antwortete der Wächter. „Ich musste der jungen Dame nur kurz etwas verdeutlichen.“ „Passen Sie auf, dass ich Ihnen nicht gleich was verdeutliche. Sie sollen die Verdächtige bewachen, nichts weiter.“ „Jawohl Herr Hauptmann.“, sagte er zackig. Die Luke schloss sich mit einem lauten Knall. „Ich bin noch nicht fertig mit dir.“, zischte der graue Mann Anna durch die Zähne zu. Anna sah zur Seite und versuchte seinem Blick auszuweichen. Ihre Wange schmerzte. Dieser grobschlächtige Kerl hatte härter zugeschlagen, als es die Lehrer in ihrer Schule zu tun pflegten, wenn diese mit ihren Schülerinnen unzufrieden waren, aber nicht direkt zum Riemen oder dem Rohrstock greifen wollten. Der Wagen machte einen kleinen Hüpfer, als er über den einen Drempel zur Verkehrsberuhigung fuhr. „Ah, wir sind da.“, verkündete der Mann in Grau. „Willkommen im Ritz Carlton.“, lachte er hämisch. „Allerdings ist der Zimmerservice in letzter Zeit etwas unzuverlässig. Ich hoffe, deine Ansprüche sind nicht allzu hoch.“ Anna sagte nichts. Sie kannte Geschichten über das Ritz Carlton, wie das Gefängnis im Volksmund genannt wurde. Sie wusste, dass es nichts mit dem legendären Hotel zu tun hatte, das die Schönen, Reichen und Mächtigen beherbergte. Es war ein Ort, wo das Ministerium für Recht und Ordnung willkürlich schalten und walten konnte und nur wenige sollen je von dort zurückgekehrt sein. Der Wagen hielt und die hinteren Türen wurden von zwei Wachen aufgerissen. „Eine Verdächtige zum Verhör?“, wollte einer der Männer wissen. „Ganz genau!“, antwortete Annas Bewacher. „Der Hauptmann sitzt vorne, er weiß Bescheid.“ Die Kette, an der Annas Handfesseln fixiert war wurde gelöst und die beiden Männer packten sie unter den Armen und zogen sie aus dem Wagen. Anna sah sich kurz um. Sie befand sich im Innenhof eines grauen Gebäudekomplexes und wurde in Richtung einer grauen Stahltür geführt. Diese öffnete sich und gab den Weg in ein Labyrinth aus Gängen und Räumen frei. „Hier lang.“, befahl einer der Männer und stieß sie unsanft vor sich her. Nach einigen Minuten erreichten sie einen Raum, in dem ein Tisch und zwei Stühle standen. Auf dem Tisch lag das Gerät, das Anna in diese Lage gebracht hatte. „Hinsetzen und warten.“, befahl einer der Männer knapp und drückte sie auf den Stuhl. Ihre Arme wurden langsam taub und die Handschellen schnitten in ihre Handgelenke. Die Tür des Raumes schloss sich mit einem lauten Knall und Anna konnte hören, wie ein Riegel vorgeschoben wurde. Da saß sie nun, alleine, noch immer in ihre Schuluniform gekleidet und mit gefesselten Händen in einem dunklen, kargen Raum und wartete auf ihr Schicksal. Niemand würde kommen, um ihr zu helfen. Ihren Pflegeeltern würde man in diesem Moment mitteilen, dass Anna in die Obhut des Staates zurückgekommen sei und man demnächst ein neues Kind zur Pflege erhalte. Ihre leiblichen Eltern hatte sie nie kennengelernt und ihre Freunde würden ihr nicht helfen können, sie befanden sich vermutlich selbst schon im Gewahrsam oder versuchten der Entdeckung zu entgehen. Während Anna über ihr Schicksal nachdachte, wurde der Riegel zurückgeschoben und die Tür öffnete sich. Ein junger Offizier betrat den Raum und musterte Anna von allen Seiten. „Du bist also Anna.“, stellte er fest. „Ja.“ „Mein Name ist Leutnant Reinhard. Aber du wirst mich mit Herr Leutnant ansprechen. Soweit verstanden?“ „Ja, Herr Leutnant.“ „Eigentlich heißt es, jawohl, Herr Leutnant! Aber ich will nicht kleinlich sein.“, lächelte er. Dann setzte er sich gegenüber von Anna an den Tisch und nahm das Gerät in die Hand. „Ein Smartphone.“, stellte er fest. „Das muss über 100 Jahre alt sein. Wo hast du das her?“ „Das gehört mir nicht. Es lag nur unter meinem Tisch.“ Der Leutnant ließ sich zurück in seinen Stuhl fallen und sah Anna scharf an. „Das soll ich dir glauben?“, fragte er. „Es ist die Wahrheit.“ „Die Wahrheit ist, dass außer den dicken Fingern des Hauptmanns, nur deine Fingerabdrücke auf dem Gerät waren. Wir haben sie bereits mit deiner Schulakte verglichen.“, erklärte Leutnant Herrmann. „Kannst du mir erklären, wie die dort hingelangen?“ „Nein.“, sagte Anna kleinlaut. „Du weißt doch, dass es streng verboten ist, ein solches Gerät zu besitzen. Also, wo hast du das her?“ „Ich habe es heute Morgen auf dem Schulhof gefunden.“ „So? Wo genau?“ „Direkt vor dem Eingang. Ich war spät dran und die anderen Schüler waren bereits in den Klassen. Da lag es. Ich habe es dann aufgehoben und wollte es zum Direktor bringen, aber dann wäre ich zu spät gekommen. Darum habe ich es erst einmal behalten und wollte es später hinbringen.“ „Es war aber eingeschaltet, wir haben ein Signal geortet.“ „Ich muss an den Knopf gekommen sein.“ „Und warum lag es unter dem Tisch?“ „Es ist mir runtergefallen, als Klara für vom Lehrer bestraft wurde. Ich hatte es mir kurz angesehen. Und da hatte ich Angst, dass man es bei mir findet.“ „Warum hast du es nicht beim Lehrer abgegeben, als du die Gelegenheit hattest?“ „Herr Tiedemann ist sehr streng. Ich wusste nicht, ob er mir glaubt oder vielleicht denkt, ich hätte es irgendwo gestohlen.“ Leutnant Reinhard sah Anna lange an. „Das ist also deine Geschichte.“, sagte er schließlich. „Und du bist ganz sicher, dass niemand dir das Gerät absichtlich gegeben hat, um mit dir zu kommunizieren?“ Anna schluckte. Was war, wenn sie die Nachricht entdeckt hatten oder das Gerät genauer untersuchten und dann die Nachricht fanden. „Nein, ganz bestimmt nicht.“ „Wir werden es wohl nicht mehr erfahren. Der Akku ist leer und wir haben kein passendes Gerät, um es mit Strom zu laden. Und die Beschaffung ist leider zu teuer. Sparmaßnahmen. Du wirst dich also nur für den Besitz des Gerätes verantworten müssen.“ „Und was bedeutet das?“ „Das kommt darauf an, ob der Richter dir die Geschichte glaubt. Ich sage dir deutlich, dass ich angehalten bin, dich deutlich härter ranzunehmen und die Information, wo du das Gerät herhast, zur Not aus dir herauszuprügeln. Aber du gefällst mir. Es wäre schade, so etwas Hübsches zu verunstalten.“ Anna schauderte es. Ihre Wange schmerzte noch immer von der Ohrfeige ihres Aufpassers im Transporter. „Ich werde in meinem Bericht schreiben, dass du, trotz eingehender Befragung, bei dieser Geschichte geblieben bist. Tu mir einen Gefallen und bleib jetzt auch weiter dabei, sonst habe ich Schwierigkeiten. Hast du verstanden?“ Er sah sie fragend an. Seine Augen hatten etwas Mildes, das Anna gefiel. Trotzdem schien er keinen Widerspruch zu dulden. „Ja, ich habe es verstanden. Was passiert jetzt mit mir?“ „Du wirst bis morgen früh hierbleiben. Um sieben Uhr ist dein Gerichtstermin. Dort wird man entscheiden, was mit dir passiert.“ „Was wird man denn mit mir machen?“, fragte sie ängstlich. Der Leutnant lachte. „Keine Sorge. Wenn wir jeden aufhängen würden, den wir mit so einem Ding erwischen, dann gäbe es bald keinen mehr, der noch Steuern zahlt.“ „Das ist ja sehr beruhigend.“, sagte Anna. „Aber trotzdem!“, seine Miene wurde ernst, „ist das keine Lappalie. Diese Geräte sind streng verboten und du kannst nicht damit rechnen, mit Samthandschuhen angefasst zu werden. Wenn du Glück hast, gerätst Du an einen milden Richter. Ich weiß aber gerade nicht, wer morgen früh im Dienst ist.“ Anna seufzte. Was hatte sie sich nur dabei gedacht. Und warum hatte Max ihr nicht verraten, dass man so leicht aufzuspüren war. Doch sie verspürte keinen Zorn auf ihren besten Freund. Wahrscheinlich waren gerade graue Männer dabei, alle Freunde von Anna zu verhören und in ihrem Privatleben herumzustochern, vielleicht hatte Max auch schon die Flucht in den Untergrund ergriffen. Der Leutnant machte eine Notiz in einem kleinen Buch und nahm das Smartphone dann an sich. „Wache!“, rief er laut, so dass Anna zusammenzuckte. „Dann mal viel Glück morgen, mit dem Richter. Und einen schönen Tag noch.“, lächelte er. Die Tür öffnete sich und er verschwand im Gang dahinter. Zwei Wachen kamen herein und führten Anna aus dem Raum heraus in eine Zelle. Sie erhielt ein Handtuch und ein Stück Seife, dazu etwas Bettwäsche. „Um 17:00 Uhr bekommst du ein Abendessen, dann ist Nachtruhe. Morgen früh um 6:00 geht es zum Gericht, deine Verurteilung findet um 7:00 Uhr statt.“, wurde sie von einer der Wachen informiert, die sie in die Zelle gebracht hatten. „Verurteilung? Ich hatte doch noch gar keinen Prozess.“ „Der Prozess läuft bereits, die Beweise gegen dich werden im Moment ausgewertet, morgen früh kannst du dem Richter noch deine Sicht der Dinge schildern, dann erfährst du dein Urteil.“ „Aber ich bin unschuldig.“, sagte sie. „In deiner Akte steht etwas anderes. Außerdem halten wir hier niemanden unschuldig fest, junge Dame.“ „Also ist das Urteil bereits gefällt?“ „Es geht nur noch um das Strafmaß.“, lachte die Wache. „Und mach dir keine falschen Vorstellungen. Morgen hat Richter Obermeier Dienst. Das ist noch einer vom ganz alten Schlag, der weiß, wie man mit Gören wie dir umspringt. Ich freue mich schon darauf, zuzusehen, wenn sie dir die Flausen austreiben.“ Mit diesen Worten schlug die Wache die Tür ins Schloss und schob den Riegel von außen vor die massive Tür. Anna setzte sich aufs Bett. Da saß sie nun. Eingesperrt und so gut wie verurteilt, zu einer Strafe, die sie nicht kannte. Und zu allem Überfluss würde auch noch ein Richter den Vorsitz führen, der anscheinend ein harter Hund war. Immerhin hatte der Leutnant einen freundlichen Eindruck gemacht. Langsam ließ sich Anna aufs Bett sinken und schloss die Augen. Sie hatte jedes Gefühl für die Zeit verloren und ihr Magen grummelte vor Hunger. Hoffentlich war es bald 17:00 Uhr, sie hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen. 3. Die Verhandlung Der Gerichtssaal, in den man Anna am frühen morgen führte, war riesig. Zahlreiche Zuschauer saßen auf den Bänken, ein Kamerateam machte Bilder um davon zu berichten, wie der Gerechtigkeit genüge getan wurde. Auf einem Podest, der einem kleinen Thron gleich kam, saß ein kleiner, leicht untersetzter Mann um die 70, der eine stählerne Nickelbrille trug. Trotz der frühen Stunde schien es nicht der erste Prozess an diesem Tag zu sein, Anna hatte auf dem Flur gehört, dass Richter Obermeier bereits um 5.30 sein erstes Urteil gefällt hatte. Ein Mitglied der Arbeiterklasse hatte sich, so erzählten sich die Justizbeamten, über Monate als Mitglied der Schauspielkaste ausgegeben und war nur durch einen dummen Zufall aufgeflogen. Ein ehemaliger Kollege hatte ihm beim Besuch eines Theaterstückes erkannt und angezeigt. Der Richter musste heute sehr schlecht gelaunt sein und hatte den Unglücklichen nach zwei Minuten ohne Umwege auf das Schafott geschickt. Jetzt lagerten Körper und Kopf des Delinquenten sauber getrennt voneinander im Kühlhaus des Gerichtes und warteten auf ihre Entsorgung. Eine traditionelle Bestattung war aus Kostengründen unüblich, außerdem wurde sie allgemein als unangemessen befunden, wenn der verstorbene ein Mitglied der Arbeiterklasse war. Zeremonielle Abschiedsfeiern waren der führenden Schicht vorbehalten aber keinesfalls angemessen für einen verurteilten Straftäter. Diese wurden meist zu Tiermehl verarbeitet und als Eiweißquelle für die Fischzucht verkauft. Richter Obermeier musterte Anna von oben bis unten, während sie auf der langen Anklagebank Platz nahm. „Ich habe schon mal etwas Platz geschafft, für das junge Fräulein.“, lachte er hämisch. Da saßen heute Morgen schon ein paar Kandidaten, die ich vorm Frühstück abgearbeitet habe.“ Anna sagte nichts. Eine der Wachen hatte ihr eingeschärft, nur dann etwas von sich zu geben, wenn der Richter eine Frage an sie richtete. „Aber keine Sorge. Ich habe eben zwei kleine Frikadellen verspeist, jetzt ist der größte Hunger erst mal gestillt. Man sagt ja, dass die Richterschaft mit vollem Magen mildere Urteile spricht.“, führte er seinen Monolog fort. Dann nahm er eine Akte und schlug sie auf. „Soso, Anna ist unser Name.“ Er sah sie fragend an. Anna nickte. „Jawohl, Euer Ehren.“, sagte sie und hoffte, die richtige Anrede gewählt zu haben. „Fein, fein. Und wir sind 18 Jahre alt?“, wollte er wissen. „Ja, 18 Jahre und 3 Tage.“, ergänzte Anna. „Oh, dann kann man ja noch gratulieren.“ Er machte eine Notiz. Dann sah er Anna lange und schien etwas zu überlegen. Nach einer Weile setzte er seine Brille ab und ließ sich tief in seinen schwarzen Ledersessel sinken. „Ich glaube kein Wort von deiner Geschichte. Ich weiß, dass du deine Freunde beschützt. Diesen Max und all die anderen, die noch mit dir herumlungern. Das Ministerium für Recht und Ordnung hat euch schon lange auf dem Kieker.“ Anna schluckte. Sie hatte gehofft, dass der Richter ihre Geschichte glaubte und sie vielleicht mit einer kleinen Strafe davonkommen lassen würde. „Normalerweise würde ich dich ohne Umwege auf die Strafinsel schicken.“ Ein Raunen ging durch die Reihen. Auch Anna hatte schon von der Strafinsel gehört. Es war eine Insel vor der Küste, die man für besonders widerspenstige Gefangene und schwere Vergehen eingerichtet hatte. Eltern drohten ihren Kindern oft damit, dass graue Männer kämen und sie dort hinbrächten, wenn sie sich nicht artig benehmen würden. „Aber ich habe heute gute Laune!“, verkündete Obermeier. „Darum werde ich etwas tun, was ich sonst selten tue.“ Anna sah ihn mit großen Augen an. „Ich werde mal darüber hinwegsehen, dass du bereits seit einigen Tagen 18 Jahre alt bist und auf eine Verurteilung nach dem Erwachsenenstrafrecht verzichten.“ Er machte eine Pause, um seinen Worten etwas mehr Bedeutung zu verleihen. „Stattdessen, werde ich dich wie eine Jugendliche behandeln und eine mildere Strafe verhängen.“ Die umherstehenden Justizbeamten warfen sich vielsagende Blicke zu. Es schien unüblich für Obermeier, milde Urteile zu fällen. „Ich verurteile dich zu 30 Peitschenhieben auf das nackte Gesäß.“ Wieder ging ein Raunen durch die Reihen. Anna hörte, wie einige der Zuschauer hinter ihr saßen, sich zuflüsterten, dass diese Strafe viel zu milde sei. Der Richter hob die Hand und bedeutete den Anwesenden, ruhig zu sein. Augenblicklich verstummte das Raunen. „Des Weiteren sehe ich einen großen Nachholbedarf in Sachen Erziehung. Du wirst daher ein Schuljahr zurückgestuft und den Rest deiner Schullaufbahn in einer geschlossenen Einrichtung für Jugendliche aus problematischen Verhältnissen verbringen. Im Internat Sonnenburg.“ Anna schwieg. Sie hatte sich schon damit abgefunden, ihre Freunde nie wieder zu sehen. Warum nur hatte sie das Gerät mit in die Schule genommen und nicht einfach zu Hause versteckt. Am besten unter dem Bett ihrer Stiefschwester, dann hätte die jetzt den ganzen Ärger und Anna säße nicht hier auf der Anklagebank. Die Peitschenhiebe machten ihr keine große Angst, in der Schule waren sie und ihrer Mitschülerinnen schon oft streng auf den nackten Hintern bestraft worden und hatten tagelang nicht sitzen können. Aber noch anderthalb Jahre in einem geschlossenen Erziehungsheim zu verbringen, war keine besonders erbauliche Aussicht. Sie hatte noch nie von diesem Internat Sonnenburg gehört, aber sie war sich sicher, dass es trotz des wohlklingenden Namens kein schöner Ort sein würde. „Die Verurteilte wird bis zur Mittagszeit in einen Haftraum gebracht und dann um 13:00 Uhr im Hof des Gerichtsgebäudes ihre Züchtigung erhalten. So kann ich mich selbst davon überzeugen, dass der Gerechtigkeit genüge getan wird, ich werde dann nämlich Mittagspause haben. Der Fall ist damit abgeschlossen.“ Mit einem kleinen Holzhammer schlug er einmal auf das Richterpult, dann setzte er seine Nickelbrille wieder auf und rief: „Der Nächste bitte!“