Nachdem ihr Dienst in der Bibliothek geendet hatte, stopfte Anna den Plan in einen ihrer Strümpfe und schlich sich leise in den Keller zur Waschküche. Die Mädchen, die hier arbeiteten, hatten bereits Feierabend gemacht und waren vermutlich gerade auf dem Weg zum Abendessen. Anna musste sich beeilen. Wenn man sie dort vermissen würde und sie hier fand, wäre sie in großen Schwierigkeiten. Langsam und so leise wie möglich schlich sie auf das Regal zu, hinter dem sich der Gang befinden musste. Vorsichtig betrachtete sie es. Es sah nicht besonders schwer aus und niemand schien sich für das alte Teil zu interessieren. Einige Metallrohre und verstaubte Ersatzteile lagen achtlos auf den Regalböden, die wohl lange niemand mehr bewegt hatte und voller Staub waren. Vorsichtig zog Anna an der Seite des Regals und tatsächlich. Es ließ sich ein Stück bewegen. Ein Spalt tat sich auf und Anna lugte hinein. Dann sah sie es. Hinter dem Regal befand sich tatsächlich eine Öffnung, die in einen Gang führte. Er schien gerade so hoch zu sein, dass Anna aufrecht darin stehen können würde. Aus dem Gang spürte sie einen starken Luftzug. Anna wusste nicht, was sie denken sollte. Der Gang führte tatsächlich ins Freie. Anna wusste, jetzt hätte sie eine Möglichkeit gefunden, zu fliehen. Plötzlich hörte sie Schritte. Jemand schien die Treppe herunter in die Waschküche zu kommen. Hastig schob Anna das Regal zurück an seinen Platz, wobei eines der Rohre mit krachendem Knall auf den Boden viel. „Was machst du da?“, hörte Anna eine weibliche Stimme. Es war Sabrina, die in die Waschküche kam und Anna feindselig ansah. „Äh, nichts. Warum?“ „Was hast du hier zu suchen? Du arbeitest doch in der Bibliothek.“ Sabrinas Stimme zerschnitt die Luft. Aber Anna hatte keine Angst vor ihr. Was sollte sie ihr schon antun. Wenn sie so kurz vor dem Abendessen auf sie losgehen würde, riskierte sie, dass sie beide mit zerrissenen Uniformen zum Essen erschienen und beide dafür bestraft würden. „Dasselbe könnte ich dich fragen. Du bist doch in der Küche eingeteilt.“, sagte Anna und ließ Sabrina spüren, dass sie sich nicht einschüchtern ließ. Es schien zu funktionieren. Sabrina verzog das Gesicht zu einem gequälten Grinsen. „Ich soll dich suchen gehen. Es werden alle zum Appell gerufen. Eine ist wohl abgehauen und wir müssen uns eine Predigt des Direktors im Hof anhören. Also komm jetzt.“ Anna folgte Sabrina in den Hof, wo der Rest der Schülerinnen bereits in reih und Glied aufgestellt war. Herr Ludwig stand mit einer Reitpeitsche unter dem Arm an der Seite und sah Anna und Sabrina verächtlich an. „Na los. Ihr seid die letzten. Seht zu, dass ihr euch dazustellt, oder muss ich euch Beine machen?“ Als Anna und Sabrina an ihm vorbeikamen, holte er aus und versetzte Anna einen kräftigen Schlag auf den Hintern. Sie machte einen kleinen Sprung vorwärts und rieb sich den Hintern. „Aua.“, jaulte sie kurz. „Ich gebe dir gleich aua. Sieh zu, dass du in die Reihe kommst. Da kommt schon der Direktor.“ Anna stellte sich an ihren Platz und schaute nach vorne. Der Direktor hatte einen hochroten Kopf und schien innerlich zu kochen. Er trat an ein Standmikrofon, das jemand im Hof platziert hatte und räusperte sich kurz. „Ich spreche heute zu Euch, weil eine von Euch, Lisa, unsere schöne Anstalt selbstständig verlassen hat. Sie hat sich heute Mittag in einer Tonne mit Küchenabfällen versteckt und vom Schweinebauern heimlich nach draußen schmuggeln lassen.“, polterte er. „Ich sage Euch gleich, wir werden sie finden. Niemand beendet seine Zeit hier ohne einen entsprechenden Entlassungsschein.“ Anna konnte sehen, wie dem Direktor der Schweiß auf der Stirn stand. „Ich habe den Hausmeister und einige Lehrer geschickt, um sie zu suchen. Ich hoffe für sie, dass wir sie vor den Beamten des Ministeriums finden.“ Anna stockte der Atem. Ausgerechnet Lisa. Nach der Sache mit dem Kadetten hatten die Lehrer sie auf dem Kieker gehabt und sie hatte öfter den Stock und die Peitsche zu spüren bekommen, als alle anderen. Ein lautes Poltern und Knarren ertönte über den Hof. Es war das große Eingangstor, dass sich langsam öffnete. Einige der Mädchen blickten sich um. „Die Köpfe geradeaus.“, polterte der Direktor. Anna stand so, dass sie trotzdem sehen konnte, was vor sich ging. Ein Gefangenentransporter des Ministeriums für Sitte und Anstand fuhr auf den Hof. Die Türen öffneten sich und sechs kräftige Männer in grauen Uniformen stiegen aus. Ein siebter stieß eine junge Frau aus dem Wagen, die auf den staubigen Boden fiel. Es war Lisa. Sie hatte ein verdrecktes Gesicht und ihre Schuluniform schien stark bei der Flucht gelitten zu haben. Der Anführer der Männer in Grau ging auf den Direktor zu. „Vermissen Sie eines Ihrer Mädchen?“, wollte er wissen. Der Direktor zögerte. „Äh, wir haben bereits eine Suchmannschaft zusammengestellt. Als Nächstes wollte ich das Ministerium informieren.“ „Soso. Wollten Sie das?“ „Natürlich. So wie es Vorschrift ist.“, versicherte der Direktor. „Es gibt eine neue Vorschrift.“, sagte der Mann in Grau. „Kleine Mädchen, die sich der Obhut des Staates entziehen werden nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst. Die Kleine wird eine Lektion erhalten, die sie so schnell nicht mehr vergessen wird. Anscheinend herrschen hier ja relativ lasche Zustände. Werde das dem Minister persönlich berichten.“ Der Direktor schnappte nach Luft. „Ich kann Ihnen versichern, dass…“ „Versichern Sie das jemandem, den es interessiert.“, unterbrach ihn der Mann in Grau. Dann wandte er sich seinem Trupp zu. „Bringt sie ins Gewölbe. Dort werden wir uns das kleine Stück vornehmen, bis sie weiß, wo ihr Platz ist.“ Anna konnte sehen, wie Lisa unsanft von den grauen Männern ins Hauptgebäude geschleift wurde. Sie hatte Geschichten gehört, dass sich ein Gewölbe darunter befand, in dem man vor hunderten von Jahren Gefangene gefoltert hatte. Aber sie hatte noch nie mit jemandem gesprochen, der wirklich dort unten gewesen war. Die Lehrer schienen keinen Schlüssel zu haben und der Direktor hatte das Gewölbe selbst nie erwähnt. „Und Sie sehen zu, dass Sie diesen Saustall, den Sie Erziehungsanstalt nennen, in den Griff bekommen. Sonst sind Sie die letzte Zeit Direktor gewesen.“, blaffte der Truppführer der grauen Männer. Der Direktor schien die Drohung durchaus ernst zu nehmen, anscheinend hatte das Ministerium für Sitte und Anstand großen Einfluss auch auf diese Einrichtung. „Das Abendessen ist gestrichen. Alle in ihre Betten bis morgen früh. Und wehe ich höre nur ein kleines Geräusch oder sehe Licht. Dann bekommen alle von Euch morgen die Peitsche zum Frühstück.“ „Na also, immerhin ein Anfang. Ist ja vielleicht doch noch nicht alles verloren.“, bemerkte der Mann in Grau, bevor er hinter seinen Männern im Hauptgebäude verschwand. Als Anna wenig später in ihrem Bett lag, starrte sie an die Decke. Was sollte sie tun? Sie konnte nicht hierbleiben. Aber sie konnte auch nicht fliehen. Wenn man sie erwischen würde, würde man ihr Schlimmeres antun, als sie nur mit einem Stock oder der Peitsche zu schlagen. Sie malte sich aus, was die Männer des Ministeriums gerade mit Lisa anstellten. Sie wusste es nicht. Und sie wusste nicht, ob sie es riskieren sollte. Vielleicht war es doch besser, so lange abzuwarten, bis sie entlassen wurde. 10. Das Zureiten Die Mädchen hatten Lisa nie wieder gesehen. Man erzählte sich, dass man sie in eine andere Anstalt verlegt hatte, die besser ihren Anforderungen gerecht werden würde. Anna wusste nicht, ob sie das glauben sollte. Aber sie wusste, dass es nicht gut für Lisa ausgegangen war. So hatte Anna ihre Fluchtpläne erst einmal wieder verworfen. Bis zu einem Tag, einige Monate später. „Guten Morgen.“, begrüßte Herr Ludwig die Schülerinnen beim morgendlichen Appell. „Guten Morgen, Herr Direktor.“, antworteten die Mädchen im Chor. Der alte Direktor hatte vor einigen Wochen seinen Abschied genommen und Herr Ludwig leitete nun kommissarisch die Anstalt. Dabei ließ er es sich nicht nehmen, sich mit Herr Direktor ansprechen zu lassen. „Eine wichtige Woche steht für einige von euch bevor. Das Zureiten steht an.“, begann der neue Direktor. Anna schluckte. Sie wusste, sie wäre an der Reihe. „Heute sind Marie, Jana, Elena, Dorothee und Eileen dran. In der zweiten Rate folgen nächste Woche Anna, Lene, Sophie, Christiane und Julia.“ Anna atmete auf. Sie würde erst nächste Woche die Prozedur über sich ergehen lassen müssen. Und vielleicht hatte sie Glück und sie erwischte einen charmanten jungen Offizier, der behutsam mit ihr umgehen würde. Der Direktor warf einen Blick zu Tür der Aula. Sie öffnete sich und fünf Männer in grauen Uniformen betraten den Raum. „Hier sind die Zureiter, die euch dieses Mal prüfen werden.“ Anna erschrak. Sie erkannte das fette Gesicht des Mannes sofort, der sie im Hof des Gerichtes gepeitscht hatte. Mit einem feisten Grinsen führte er die Riege der Männer an, die sich nun neben Herrn Ludwig aufbauten. „Wir haben diesmal ein paar handfeste Haudegen für euch geschickt bekommen.“ Anna starrte den grauen Mann an. Dann trafen sich ihre Blicke. Der Widerling fixierte sie mit seinen Augen und zwinkerte ihr dann hämisch zu. Der Direktor begrüßte die grauen Männer kurz und entließ dann die Mädchen in den Unterricht. Als Anna gerade die Aula verlassen wurde, packte sie jemand am Arm. Es war der Fießling in seiner grauen Uniform. „Na Kleines. Ich habe dir doch versprochen, dass wir uns noch mal wieder sprechen. Und ich habe eine schöne Neuigkeit für dich. Rate mal, wer dich zureiten wird?“ Dann lachte er hämisch und lies Anna los. Anna warf ihm einen rebellischen Blick zu und lief eilig davon. Anstatt zum Unterricht zu laufen rannte sie über den Hof in den Schlafsaal. Sie ging zu ihrem Bett und vergewisserte sich, dass der Plan von der Waschküche und den Anweisungen zur Flucht noch gut versteckt unter ihrem Bett lag. Erleichtert stellte sie fest, dass er noch da war. Vorsichtig faltete sie ihn wieder zusammen und legte ihn unter die Matratze. Dann ging sie zum Unterricht. Anna hatte nicht bemerkt, dass Sabrina sie beobachtet hatte. 11. Der nächtliche Ausflug Anna hatte sich entschieden. Nach dem Abendessen würde sie fliehen. Es war bereits spät geworden und die Zeit der Essensausgabe war bereits gekommen. Während sie ihr Tablett vor sich herschob und eine der Hilfsköchinnen ihr einen grauen Brei auf den Teller klatschte, sah sie sich um. „Wo sind denn die anderen? Es fehlen einige.“, stellte sie fest und sah Leonie fragend an, die vor ihr ging. Leonie drehte sich um und sah Anna an. „Ein paar sind beim Zureiten. Und es waren heute einige Oberschichtler hier. Die haben ein paar Mädchen abgeholt, um ihr Personal aufzustocken.“ „Wer ist denn abgeholt worden?“ „Sabrina, Claudia und Daniela. Morgen sollen wohl auch noch mal ein paar kommen und nach Dienstmädchen suchen. Vielleicht haben wir Glück und werden ausgewählt.“ Sie machte eine kurze Pause. „Obwohl, du bist ja noch nicht eingeritten.“ Anna überhörte das. Sie würde morgen schon nicht mehr da sein. Die Nacht kam und Dunkelheit legte sich über das Gelände. Anna konnte den Atem der anderen schlafenden Mädchen hören. Wie eine Katze glitt sie aus ihrem Bett und schlüpfte in ihren Sportanzug, den sie unter der Decke bereitgehalten hatte. Dann zog sie ihre Sportschuhe an und schlicht auf leisen Sohlen in Richtung der Waschküche. Im Dunkeln tastete sich vorsichtig vor. Sie hatte sich den Weg genau eingeprägt um, kein Licht machen zu müssen. Als sie das Regal erreichte, taste sie vorsichtig danach und zog kräftig daran. Es bewegte sich und Anna tastete vorsichtig mit der Hand nach der Öffnung, die sich dahinter befand. Doch was war das. Sie fand keine Öffnung. Ihre Hand ertastete nur kalten Beton. Das konnte nicht sein, sie hatte doch die Öffnung dahinter gesehen. Sie zog das Regal noch ein wenig nach vorne und steckte nun ihren ganzen Arm soweit aus, wie sie konnte. Noch immer nahm ihr die Dunkelheit jede Sicht. Und noch immer konnte sie keine Öffnung ertasten. Plötzlich ertönte ein lautes Summen und die alten Halogenstrahler der Waschküche begannen zu flackern. Wenige Sekunden später erhellten sie den ganzen Raum. Herr Ludwig und zwei graue Männer standen im Raum, sie mussten im Dunkeln auf Anna gewartete haben. „Du wolltest uns wohl verlassen. Tja, leider hat eine deiner pflichtbewussten Mitschülerinnen uns über deinen Plan informiert.“, sagte Ludwig in einem ruhigen Ton. „Ich habe natürlich sofort das Loch in der Wand zumauern und den Tunnel zuschütten lassen. Außerdem habe ich das Ministerium sofort von Deinem Fluchtplan informiert. Das Urteil ist bereits gefällt. Ergreift sie.“ In diesem Moment stürmten die beiden Männer auf Anna zu und packten sie. „Ins Gewölbe mit ihr, in die dunkelste Zelle, die wir haben.“, ordnete Ludwig an. Er schien einen deutlich besseren Stand beim Minister zu haben als sein Vorgänger. „Nein, was geschieht mit mir? Das dürfen Sie nicht.“, rief Anna. „Wir dürfen noch ganz andere Sachen. Du wirst morgen vor aller Augen eine Lektion in der Aula erhalten. Dein Zureiter ist schon auf dem Weg hierher, er hat sich ein paar besondere Dinge für dich einfallen lassen.“ Dann lachte Ludwig laut auf. „Dass ihr kleinen Dinger immer denkt, ihr könntet euch vor eurer Bestimmung drücken.“ Anna wurde gepackt und aus der Waschküche geschleift. Man brachte sie in einen dunklen Keller und warf sie in eine kahle Zelle, die nur schwach durch ein kleines Notlicht beleuchtet wurde. Dann fiel die Tür ins Schloss und ein massiver Eisenriegel wurde vorgeschoben. Anna sah sich um. Aus diesem Raum wäre eine Flucht unmöglich.