Ich hatte mich hübsch gemacht. Ich wusste, was ihm gefiel. Strümpfe. Spitze. Lippenstift. Ich hatte gebadet und ein neues Parfüm aufgelegt. Er hatte mich in eine Suite bestellt. Hoch oben über den Dächern der Stadt. Bodentiefe Fenster gaben den Blick auf den Hafen frei. Aber ich wusste, dass ich die Aussicht nicht genießen können würde.
Er trug einen dunkelblauen Anzug. Dazu ein feines, weißes Hemd mit Manschettenknöpfen. Und er roch gut. Ich mochte sein Aftershave. Sculpture hieß es glaube ich.
Er hatte mich auf einem Sofa Platz nehmen lassen und stand am Fenster. Während er das Lichterspiel des Hafens zu betrachten schien, drangen seine Worte zu mir hinüber…
„Wo sind die Romane?“
„Warum hast Du nicht an Deinen Geschichten geschrieben?“
„Womit hast Du Deine Zeit verbracht?“
„Ich dachte, Du wolltest ein fleißiges Mädchen sein…“
Ich schwieg.
Er trat zu mir hinüber. Ich weiß nicht woher sie kam, aber unversehens fühlte ich die Lederspitze seiner Reitgerte unter meinem Kinn. Unsere Blicke trafen sich. Seine dunklen, braunen Augen durchbohrten mich. Ich bekam eine Gänsehaut. „Ich habe Dich etwas gefragt.“, sagte er ruhig. Ich schwieg noch immer. „Warum ist nichts von dem, was wir beide vereinbart haben, fertig geworden?“ Seine Worte drangen wie in Zeitlupe über meine Ohren in meinen Körper ein. Er übte einen leichten Druck auf die Gerte aus und mein Kinn hob sich unwillkürlich an.
„Ich weiß es nicht.“, sagte ich zaghaft. Fast flüsternd.
Er hob eine Augenbraue an. „Was heißt das?“, wollte er wissen.
„Ich weiß nicht.“, entfuhr es mir.
„Wie lange hattest Du jetzt Zeit?“, wollte er wissen.
Ich sagte nichts. Aber die Antwort war eindeutig. Lange. Sehr lange. Monate. Fast ein Jahr. Ich hatte einfach keinen Antrieb. War faul. Ohne Grund. Zeit hätte ich genug gehabt. Aber die Prokrastination hatte gesiegt. Der Aufschub. Der innere Schweinehund. Und nun saß ich hier. Auf dem Sofa, eine Reitgerte unter dem Kinn. Und einen Mann vor mir, den ich als geduldig aber nicht unbedingt als milde kennengelernt hatte.
„Weißt Du…,“ sagte er schließlich, „was ich besonders enttäuschend finde?“ Er ließ die Reitgerte von meinem Kinn gleiten, drehte sich um und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Ich konnte sehen, wie er die Gerte durch die Finger rollen ließ.
Ich schüttelte den Kopf, auch wenn er mir den Rücken zugewandt hatte. Er konnte es in der Spiegelung der Fenster sehen. Es war ohnehin eine rhetorische Frage gewesen.
„Dass Du mir nicht früher gesagt hast, dass es nicht läuft.“ Er machte eine Pause. „Wir haben uns geschrieben. Wir haben telefoniert. Wir haben uns mehrfach zum Essen getroffen. Wir haben sogar miteinander geschlafen.“ Er drehte sich wieder zu mir. „Und Du hast es nicht bei einer dieser Gelegenheiten geschafft, mir zu sagen, dass Du nichts, aber auch gar nichts zu Papier gebracht hast?“
Er sah mich an. Ich wusste, dass er eine Antwort erwartete.
Aber ich hatte keine. Ich konnte nur den Kopf senken und mich schämen. Und ich wusste, dass ich es wieder gut zu machen hatte. Ich wusste, dass ich ihm dafür meinen Schmerz schenken musste. Ich kannte seine Erwartung. Und ich wusste, dass er sie zu recht hatte. Langsam drehte ich mich um. Die zarte Wäsche würde mir keinen Schutz bieten, ich brauchte sie nicht abzulegen. Ich wusste, dass er den Anblick genießen würde. Aber ich wusste auch, dass ihn das nicht milde stimmen würde. Nur meine Tränen konnten ihn jetzt noch besänftigen. Keine Tränen der Angst. Keine Tränen der Scham. Ich wusste, er wollte Tränen des Brennens. Tränen der Agonie. Tränen des Schmerzes.
Hier geht es zum zweiten Teil.
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