Claire Teil 2

Noch mal zum ersten Teil.

Der Morgenappell der Dienerschaft war ein gefürchtetes Ritual. Richard, der Butler pflegte mit der Reitpeitsche die Reihe der Dienstmägde und niederen Diener abzuschreiten, die Sauberkeit der Fingernägel und den perfekten Sitz der Kleidung zu kontrollieren. Auch die Dienerschaft war im Haus stets edel gekleidet, die Herrschaft legte wert darauf, gegenüber der Gesellschaft zu demonstrieren, dass man das Personal nach belieben ausstaffieren konnte.
Kurz vor dem Appell war die Mamsell gekommen und hatte Claire befohlen, sich zurecht zu machen und dann vor dem Appell im Vorraum des großen Speisesaals zu warten, bis man sie herbeirief.
Sie tat, was man ihr befahl und wartete nun vor der geschlossenen Flügeltür, während drinnen der Butler und die Mamsell die morgendlichen Ansagen machten. Es war üblich, dass man eine Magd oder einen Diener, der eine schwere Verfehlung begangen hatte, vom Beginn des Appells ausschloss, damit sich der Delinquent seiner Taten bewusst werden und auf die Bestrafung vorbereiten konnte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, anscheinend genoss Richard es, den Appell heute in die Länge zu ziehen.
Schließlich wurden von zwei Dienern die beiden Flügel der Tür geöffnet.
„Claire! Tritt ein.“, rief Richard.
Sie gehorchte und trat in den Saal.
Das gesamte Personal des Hauses war in zwei Reihen angetreten, die Diener links, die Mägde rechts. Die Herrschaft schlief in der Regel um diese Zeit noch, ohnehin war im Moment nur der Baron selbst im Haus. Seine Familie war bereits vor einigen Tagen zu einem großen Ball aufgebrochen, der Baron war jedoch durch wichtige Geschäfte aufgehalten worden, so dass die Dienerschaft nur ihn zu versorgen hatte, sondern dieser Tage vor allem damit beschäftigt war, das Haus herzurichten.
Claire trat einige Meter in den Saal hinein und blieb dann unsicher stehen. Die Tür wurde hinter ihr von zwei Dienern geschlossen, die sich danach wieder in ihre Reihe stellten.
„Heute haben wir einen besonders schweren Fall zu behandeln.“, begann Richard im Ton eines Richters am Hofe ihrer Majestät.
Claire stockte der Atem.
„Unsere junge Claire hier hat unser aller Sicherheit gefährdet, indem sie zunächst den Schlüssel unerlaubterweise entwendete und sich nachts davon stahl.“ Er machte eine Pause. „Nachdem sie sich die Nacht herum getrieben hat und zurückkehrte, behauptete sie, obwohl auf frischer Tat ertappt, sie habe den Schlüssel nicht entwendet.“
Richard zog den Schlüssel aus seiner Hosentasche und hielt ihn wie ein Beweisstück vor Gericht in die Höhe, während er vor der Reihe der Mägde auf und ab ging.
„Und es kommt noch schlimmer.“, fügte er hinzu. „Nicht nur, hat sie unser aller Sicherheit gefährdet, sie hätte es auch zugelassen, dass jemand Unschuldiges für ihr Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen worden wäre, wenn ich sie nicht auf frischer Tat überführt hätte.“
Claire spürte die anklagenden Blicke der übrigen Dienerschaft auf ihrem Körper, die sie wie Dolche trafen.
„So ein Verhalten kann und wird in diesem Haus nicht geduldet.“
Er wandte sich Claire zu und sah ihr direkt in die Augen. „Es wird also ein Exempel statuiert. Als Strafe für dich und als Warnung für alle, die der Auffassung sind, sie müssten sich nicht an die Regeln halten.“
„Aber…“, sagte Claire mit leiser Stimme.
„Nichts aber.“, unterbrach Richard sie wirsch. „Du redest nur, wenn du gefragt wirst.“
„Darf ich denn gar nichts zu meiner Verteidigung sagen?“, protestierte sie.
Der Butler sah sie sprachlos an. Dann lachte er laut auf, sein Lachen ging allen durch Mark und Bein.
„Na mal sehen junge Dame.“, begann er. „Lass mich mal ganz scharf raten. Du hast nachts ein Geräusch gehört, draußen, und dachtest, Diebe schlichen ums Haus. Da du dir aber nicht sicher warst, wolltest du selbst nachsehen, hast die Tür unverschlossen vorgefunden und bist hinausgehuscht. Natürlich hast du nichts entdeckt und als du zurückkehrtest, bist du mir in die Arme gelaufen.“
Claire riss die Augen auf. Richard hatte genau das erzählt, was sie sich als Ausrede zurecht gelegt hatte.
„War es das, was du uns mitteilen wolltest?“, fragte er scharf.
Claire schwieg.
„Nun, antworte!“, befahl er.
„Ja…“, sagte sie kleinlaut.
„Wie bitte? Bitte sprich laut und deutlich.“
„Ja, das wollte ich sagen.“, sagte sie nun mit fester Stimme.
„Man wird nicht zum Butler des Barons, wenn man ein Vollidiot ist.“, erklärte Richard. “Was glaubst du, wie oft ich diese Geschichte schon gehört habe?“
„Aber genau so war es.“ Claire unternahm einen letzten Versuch, sich zu rechtfertigen.
„Verkaufe uns nicht für dumm.“ Richard wurde ungeduldig und sein Gesicht verzog sich langsam zu einer Grimasse, die nichts Gutes heißen lies. „Da du dich geweigert hast, uns die Wahrheit zu sagen, wird deine Strafe besonders streng ausfallen.“ Er machte eine kurze Pause, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen.
„Du wirst den Tag im Gewölbe verbringen und über Deine Verfehlung nachdenken. Heute Abend erwartet Dich dann die Peitsche!“
Claire schluckte. „Die Peitsche“ war eine Disziplinarmaßnahme, die nur selten zur Anwendung kam. Zwar verteilte der Butler, oder auch die Mamsell regelmäßig körperliche Züchtigungen auf das Gesäß und nahm dazu schon mal den Rohrstock oder eine Reitgerte zur Hand, doch wenn jemand „die Peitsche“ bekommen sollte, hieß das nicht nur eine Züchtigung, sondern eine verschärfte Bestrafung.
„Bringt sie nach unten.“, befahl Richard in Richtung zweier Diener.
Claire wurde links und rechts am Arm gepackt und bevor sie noch etwas sagen konnte, nach unten ins Gewölbe des Schlosses gebracht.

Weiter zu Teil 3.